"In der Geschichte des Exils und der Emigration kommt den Botschaften, zumal im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart, eine Schlüsselrolle zu. Sie waren Orte der Rettung wie des Untergangs, der Sicherheit wie Gefahr, des gewährten wie des abgewiesenen Visums, der Ausreisekontingente, der Neutralität wie der Verfolgung und Vertreibung, von Krieg und Frieden. Die schwedische Botschaft in Budapest 1944 wurde berühmt, ebenso wie die amerikanische Botschaft im nationalsozialistischen Deutschland. Wir kennen Geschichten der Schweizer Gesandten in den 1940er Jahren.
Längst sind noch nicht alle Geschichten erzählt. Nahezu alle Botschaften im heutigen Berlin bergen eine besondere, nur dem Land eigene Geschichte des Exils, das die Länder gewährt, oft auch abgewiesen haben. Wir wissen wenig über Japan als Exilort oder die Türkei, die dem späteren Bürgermeister Berlins Ernst Reuter Zuflucht gewährte und eine ganz eigene deutsche Gelehrtenrepublik entstehen ließ. Indien bleibt als ein Ort der Flucht oft unerwähnt, genauso Mexiko oder Portugal. Daran erinnert die Reihe Embassies of Exile. Schicksale von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, Komponisten und Musikerinnen, Künstlerinnen und Künstlern sollen in den jeweiligen Botschaften erzählt, gezeigt und damit sichtbar werden.
Das Leben im Exil ist mit mindestens zwei Ländern verbunden. Es teilt sich in ein Vor und Nach der Emigration, ein altes und neues Zuhause, ein Hier und Dort, ein Gestern und Heute.
Mit dem Programm Embassies of Exile baut das Exilmuseum sein Netzwerk aus, indem es mit Botschaften anderer Länder in Berlin wie mit den jeweiligen deutschen Vertretungen im Ausland zusammenarbeitet. Das buchstäblich grenzüberschreitende Thema des Exils verbindet Institutionen wie Menschen, Stiftungen und ihre Repräsentant:innen, vor allem Geflüchtete wie Angekommene, deren Angehörige wie Nachfahren. Die Botschaften öffnen ihre Tore, um Schicksale zu zeigen, zu diskutieren und unsere Gegenwart zu analysieren. Embassies of Exile zeigt, dass die Geschichte des Exils eine eminent diplomatische Dimension hat."
Thomas Sparr studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Hamburg, Marburg und Paris und war an der Hebräischen Universität in Jerusalem und am dortigen Leo Baeck Institut tätig. Später leitete er den Jüdischen Verlag und war Cheflektor des Siedler Verlags. Heute ist er Editor-at-Large für den Suhrkamp Verlag. Bei Berenberg erschienen "Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem" (2018), "Hotel Budapest, Berlin ... Von Ungarn in Deutschland" (2021) und "Zauberberge. Ein Jahrhundertroman aus Davos" (2024), bei der DVA "Todesfuge. Biographie eines Gedichts" (2020) und bei S. Fischer "'Ich will fortleben, auch nach meinen Tod'. Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank" (2023). Zuletzt erschien: "Come out! Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte" bei C.H. Beck.
Für das Programm "Embassies of Exile" arbeitet das Exilmuseum mit Botschaften im In- und Ausland zusammen. So entstehen neue Partnerschaften und ein weltweites Netzwerk. Im Fokus der Reihe stehen weitgehend unbeachtete Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Wissenschaft, die im jeweiligen Partnerland Zuflucht vor den Nationalsozialisten fanden. Jede Veranstaltung wird individuell konzipiert, sei es als Vortrag, Lesung, Konzert, Filmvorführung oder Gespräch mit Nachfahren. Die Veranstaltungen finden an verschiedenen Orten im In- und Ausland statt: in den Botschaften selbst, in Kulturinstitutionen, akademischen Einrichtungen oder auch im Exilmuseum.